Videospieljahr 2012: Zwischenbilanz und kommende Highlights

In ein paar Wochen sind wir bei der Halbzeit des Jahres 2012 angekommen, und da gerade die E3 zu Ende gegangen ist, erlaube ich mir ein kleines persönliches Resümee sowie einen Ausblick auf das, was noch bevorsteht.

Ein paar Gedanken zur E3

Beginnen wir doch gleich mit der E3. Wenn es die blühende Vielfalt der PC-Indie-Welt nicht gäbe und die E3 wirklich alles repräsentieren würde, was das Medium zu bieten hat, dann hätte ich mein Hobby wohl schon lange schimpfend aufgegeben. Die Gleichförmigkeit, Gewaltbesessenheit, Stumpfsinnigkeit, Ausbeuterei und Megalomanie der Industrie ruft in mir bis auf wenige Ausnahmen einen leichten Brechreiz hervor. Far Cry 3, Splinter Cell Irgendwas, Gears of War und Halo hier, Call of Duty und Medal of Honor dort, Erschießen, Kehle aufschlitzen, Genick brechen, Dubstep, Titten – ich werd zu alt für den Scheiß bzw. war niemals jung genug dafür. Ich habe nicht wirklich etwas gegen die isolierten Elemente oder meinetwegen sogar die Spiele – mein Lieblingstitel des letzten Jahres, Deus Ex: Human Revolution war auch nicht gerade zimperlich in seinem Umgang mit Gewaltszenen – aber himmelherrgott, ist das in der Häufung nicht ein bisschen viel und ein bisschen extrem und ein bisschen traurig? Selbst das anfangs vielversprechende und interessante Gameplay-Video zum Ubisoft Montreals Watch Dogs mutiert innerhalb seiner Laufzeit vom eleganten Open-World-Hackerthriller zum blutrünstigen Cover-Based-Third-Person-Shooter Nummer zweihundertsiebenundreißig. Ist es wirklich das, was die Leute (sehen) wollen? Ich kann und will es nicht wirklich glauben. Ähnliches gilt für Nintendo: Leicht besorgt beobachtete ich die Ankündigung gleich zwei neuer Mario-Titel im biederen New Super Mario Bros.-Stil, zurückdenkend an die Zeit als das Erscheinen eines neuen Mario-Plattformers einer Zäsur in der Videospielgeschichte gleichkam.

Es gab aber auch Lichtblicke, die es schafften mein Interesse zu halten: Scribblenauts Unlimited gehört jetzt zu meinen meisterwartetsten Spielen, vor allem als ich gelesen habe, dass es für PC erscheinen soll. Ich liebe vor allem Super Scribblenauts auf dem DS und wünsche mir seit jeher eine Fortsetzung, die die Puzzles aus den isolierten, bissgroßen Minilevels befreit und in einen größeren Zusammenhang stellt. Stellt man mir dann noch eine Plattform mit Tastatur in Aussicht, bin ich mehr oder weniger im Himmel. Auch spannend, zumindest potenziell: Beyond, Pikmin 3, Dishonored, AssCreed III/Liberation, Rayman Legends, XCOM: Enemy Unknown und Hitman Absolution (angeblich spiegelt der fragwürdige Trailer nicht das tatsächliche Gameplay wider).

Was ich an der Veranstaltung noch traurig fand, war wahrscheinlich gar nicht der Mangel an wirklichen Sensationen oder Überraschungen, sondern der ebenso große Mangel an cheesig-amüsanten Peinlichkeiten. Ich denke da wehmütig an die Konami-Pressekonferenz 2010, an Ubisofts Mr. Caffeine 2011 oder gar an “Riiiiiidge Racer” und “giant enemy crab”. Abgesehen von Reggies etwas lahmer, aber immerhin für einen Grinser guten Anspielung auf die “My body is ready”-Meme gab es kaum etwas, das echten Charm hatte.

Die bisherigen Highlights 2012


Aber vergessen wir mal die E3 und ziehen die Bilanz des tatsächlich gespielten. Mein Lieblingstitel des Jahres ist bis jetzt eindeutig Jonas Kyratzes verblüffendes Adventure The Sea Will Claim Everything. Ich hatte von dem Mann ernsthaft noch nichts gehört, bis sein jüngstes Spiel im grandiosen und viel zu wenig beachteten Adventure Bundle von bundle-in-a-box.com debütierte. (Wer dieses Bundle ignoriert hat und mir morgen vom Tod der Adventures oder guter Indie-Bundles vorjammert, der bekommt eine ge-e-scheuert.) The Sea Will Claim Everything hat mich dermaßen berührt und beeindruckt, dass es sogar recht gute Chancen hat bis zum Jahresende auf Platz 1 meiner persönlichen 2012er-Liste zu bleiben, und das will was heißen, wenn man sich ansieht, was noch so alles kommt. Wen’s interessiert: Das Adventure Bundle ist mittlerweile vorbei, aber in naher Zukunft sollte das Spiel auf Kyratzes’ Webseite wieder verfügbar sein. das Spiel ist jetzt hier erhältlich.

Weitere Toptitel waren für mich das superbe Super Talking Time Bros. 2: Super Squad (mehr dazu hier), der artsy One-Two-Punch Dear Esther und Journey, Anna Anthropys wegweisendes dys4ia und die beiden unverhofft positiven Überraschungen Yakuza: Dead Souls (sooo viel Spaß!) und die interaktive Anime-Serie Asura’s Wrath (warte sehnsüchtigst auf die letzten beiden Folgen). Und ich muss noch ein paar Dinge nachholen, namentlich das Low-Res-Survival-Horror-Adventure Lone Survivor und Christine Loves Visual Novel Analogue: A Hate Story.

Apropos Nachholen: Ein paar Bildungslücken habe ich natürlich auch geschlossen. Zuletzt habe ich, inspiriert durch den Kickstarter zum neuen Tex Murphy-Spiel Project Fedora, die GOG-Version von Under A Killing Moon ausgegraben und durchgespielt. Und ich muss sagen: Wow. Das Ding ist richtig, richtig gut. Mein Eindruck war immer, dass es ein FMV-Spiel sei wie all die anderen, die um die Mitte der 90er die Videospielwelt unsicher machten – nur dass es im Unterschied zu den meisten tatsächlich halbwegs annehmbar gewesen sei. In Wirklichkeit handelt es sich um eines der ambitioniertesten Adventures aller Zeiten; progressives Design, revolutionärer Einsatz moderner Technik und eine liebevoll-detailliert gestaltete Spielwelt zeichnen diese zutiefst vergnügliche Sci-Fi-Noir-Detektivgeschichte aus. Gerade die aus der Ego-Perspektive frei erkundbaren 3D-Locations sind für ein Spiel aus 1993 höchstgradig beeindruckend. Schöne Rätsel, humorvolles Writing, ein tolles Dialogsystem und eine clevere Hinweisfunktion tun den Rest. Ich kann es kaum erwarten den angeblich noch um einiges besseren Nachfolger The Pandora Directive zu spielen, vom neuen Titel ganz zu schweigen.

Was noch kommt

Doch lassen wir die Vergangenheit ruhen und richten den Blick in die Zukunft. Ich muss sagen, meine meisterwarteten Titel des Jahres kommen noch, auch nachdem Bioshock Infinite und Dishonored nach 2013 verschoben wurden. Apropos: Zu Beginn des Jahres habe ich ja eigentlich The Iconoclasts als meinen meisterwarteten Titel 2012 genannt, allerdings bin ich mittlerweile skeptisch, ob wir Joakim Sandbergs Magnum Opus wirklich noch dieses Jahr zu Gesicht bekommen. In seinen Tweets klingt er eigentlich 99% der Zeit frustriert mit der Entwicklung. Ich stelle mich also auch dahingehehend eher auf 2013 ein.

Zurück zur greifbaren Zukunft: Da wäre zunächst einmal Resonance am 19. Juni, das neue Adventure aus dem Hause Wadjet Eye Games. Ich habe dieses ambitionierte Projekt seit Jahren im Auge und war hocherfreut als es von Wadjet Eye aufgegriffen wurde – a match made in heaven. Als Vorbesteller durfte ich auch schon das erste Kapitel spielen, das wirklich allerfeinste Adventure-Kost verspricht. Allein das innovative Long-Term/Short-Term-Memory-System schien mir etwas unterverwendet, aber ich nehme stark an, dass sich das im weiteren Verlauf ändern wird. Immerhin soll es ein verdammt großes Spiel sein.

Der nächste Pflichttermin dann wird wohl die allumfassende Retro-Homage Retro City Rampage, das schon seit Ewigkeiten erscheinen hätte sollen, aber offenbar durch Microsofts blöden Summer of Arcade zurückgehalten wird und die Zeit bis dahin mit sinnlos-nervigen Promo-Tweets totschlägt. Das aus einer Homebrew-NES-Version von Grand Theft Auto entstandene Faux-8-bit-Open-World-Arcade-Spektakel hat auf jeden Fall das Zeug ein neuer Indie-Darling vom Schlage eines Super Meat Boy zu werden. Mich reizt vor allem der Gedanke durch eine Pixelgroßstadt zu rennen, für jeden Scheiß Geld und Punkte zu bekommen, an jeder Ecke Geheimnisse und Easter Eggs zu entdecken und durch abwechslungsreiche Missionen bugsiert zu werden, die mit Anspielungen auf die Popkultur der 80er vollgestopfter sind David Hasselhoff mit Cheeseburgern.

Für den (späten) Sommer ist auch der für mich persönlich spannendste Titel des Jahres angekündigt: Starbound. Es handelt sich mehr oder weniger um eine Weiterentwicklung von Terraria: Eine ganze Galaxis voller prozedual generierter Planeten, Lebensformen und Items, aber mit noch mehr klassischen “Game”-Elementen wie Quests und einer Storyline. Wenn man sich die lächerlich umfangreichen Feature-Listen ansieht, klingt das Ganze ehrlich gesagt zu gut und ambitioniert um wahr zu sein, aber falls Starbound auch nur einen Großteil seiner Versprechen einhält… Ich wage gar nicht daran zu denken.

Die letzten beiden Titel auf meiner “Frothing Demand”-Liste sind zwei Sequels: zum einen die Gravity Bone-Fortsetzung Thirty Flights of Loving (Wahnsinns-Trailer hier) – schon fertig, aber im Moment nur für Backer eines Kickstarter-Projekts für den Podcast Idle Thumbs erhältlich – und zum anderen das grandios betitelte Amnesia: A Machine For Pigs, Nachfolger der Horror-Sensation Amnesia: The Dark Descent.

Natürlich kommen noch einige andere interessante Sachen, von vielen weiß ich wahrscheinlich noch nicht einmal etwas, aber die genannten sind meine persönlichen Favoriten. Ich für meinen Teil kann den Rest von 2012 kaum erwarten. Also nicht vergessen: Das Medium ist lebendiger und spannender denn je, auch wenn todlangweilige E3-Pressekonferenzen das nie erahnen lassen würden.